Bereits in der Londoner Fachzeitschrift “Commercial Art” (Oktober 1922 bis Mai 1923, 7 Hefte, 144 redaktionelle Seiten) widmete die internationale Werbegrafik-Szene dem Handwerk der Schaufensterbeschriftung und Beschilderung einen eigenen Themenschwerpunkt. Lettering war in den 1920er Jahren kein schmuckes Beiwerk, sondern ein ernsthaft dokumentiertes Handwerk: “Commercial Art” behandelte Schrift, Schaufenster und Reklamemarke gleichwertig neben Plakat und Fotografie. Wer heute handgemachte Beschilderung aus dieser Ära studieren will, kommt an diesen frühen Fachblättern nicht vorbei. Sie zeigen, dass der Pinsel am Schaufenster dieselbe Aufmerksamkeit verdiente wie die Druckerpresse. Das Wissen darum steckt in genau diesen 144 Seiten.
Handwerk an der Scheibe: Was hinter der Schaufensterbeschriftung der Jahre 1920 bis 1970 steckt
Zwischen 1922 und 1923 dokumentierte die Londoner Fachzeitschrift Commercial Art in sieben Heften den Stand der gewerblichen Grafik, darunter explizit das Thema Schaufensterbeschriftung (“Schaufenster”) als eigenständige Disziplin neben Plakat, Schrift und Illustration. Das ist kein Randnotiz: Schaufensterbeschriftung galt in der Branche als vollwertiges Handwerk mit eigener Fachliteratur, Ausbildung und Ästhetik.
Was das für dich heute bedeutet
1. Handlettering der Zwischenkriegszeit folgt klaren Regeln Die Reklameliteratur der Jahre 1909 bis 1932, wie sie etwa im Plakat-Fachhandel für bis zu 210 Euro als Sammlerstücke gehandelt wird, zeigt: Schilder und Beschriftungen dieser Epoche waren keine spontanen Pinselaktionen. Hinter jedem Buchstaben steckten Proportionsregeln, Farbsysteme und handwerkliche Techniken, die heute als Grundlage des modernen Letterings gelten. Wer also ein Vintage-Poster aus dieser Zeit an der Wand hängt, schaut auf das Ergebnis einer formalen Ausbildung, nicht auf Improvisation. Das Bauhaus-Ausstellungs-Poster oder das Bauhaus-Werbeplakat der Kunsthochschule zeigen diesen typografisch durchdachten Ansatz exemplarisch.
2. Typografie und Beschriftung liefen parallel, beeinflussten sich gegenseitig Die Typographischen Mitteilungen, das offizielle Organ der deutschen Typografenvereinigung, erschien von 1903 bis 1933 und dokumentierte Entwicklungen in Drucktechnik, Schriftgestaltung und Grafik. Ihr Oktober-Heft 1925, das Jan Tschichold als Gastredakteur zum Sonderheft “Elementare Typographie” machte, brachte Konstruktivisten wie El Lissitzky und László Moholy-Nagy in die Druckerwerkstätten des deutschsprachigen Raums. Was im Buchdruck galt, filterte direkt in die Schaufensterbeschriftung und das Gewerbe-Lettering, weil dieselben Fachleute beides machten. Wer die Verbindung aus Typografie und dekorativer Fläche mag, findet das in Produkten wie dem Bauhaus-Hexagon-Bild oder dem Kandinsky-Poster in Gelb, Blau, Rot wieder.
3. Der Werkbund zog 1929 eine Grenze zwischen alt und neu Die Ausstellung “Film und Foto” des Deutschen Werkbunds in Stuttgart (18. Mai bis 7. Juli 1929) markierte in der Druckgrafikgeschichte eine Zäsur: Das Plakat dazu, gedruckt als Lithografie in den Maßen 84,1 x 58,4 cm, zeigte den neuen, fotografisch geprägten Stil, der das klassische Handlettering unter Druck setzte. Ab 1933, mit dem Erstarken des Nationalsozialismus und Jan Tschicholds Umzug nach Basel, verlor die “Neue Typographie” in Deutschland an Boden, während sie in der Schweiz bis in die 1940er Jahre weiterlebte. Das erklärt, warum Schilder und Beschriftungen aus dieser Zeit je nach Region und Jahrgang so unterschiedlich aussehen können.
4. Vintage-Lettering ist heute wieder als Dekosprache lesbar Der gestalterische Code der handbemalten Reklameschilder aus den 1920er bis 1960er Jahren lebt in der heutigen Retroästhetik weiter, von Typografie auf Kissen bis zu gerahmten Werbeplakaten. Wer diesen Look im eigenen Raum umsetzen möchte, findet bei reetro eine ganze Auswahl: Das Retro-Reiseposter aus Hong Kong, das Altes-Teehaus-Werbeplakat oder das Shell-Werbeplakat Retro holen den handwerklichen Charme direkt an die Wand. Für Schrift-Enthusiasten lohnt auch ein Blick in den gesamten Poster-Shop.
Quellen
- Plakat- & Reklameliteratur 1909–1932, Plakat Kontor Katalog Nr. 18
- Typographische Mitteilungen – Series Archive, Design Reviewed
- Posters and Catalogues for Landmark German and Swiss Exhibitions, 1927–1945, MCB Collection
Häufige Fragen
Was genau verstand man in den 1920er Jahren unter Schaufensterbeschriftung?
Schaufensterbeschriftung war ein eigenständiges Handwerk, das Lettering, Pinselschrift und dekorative Typografie direkt auf Glas oder Karton vereinte. Fachzeitschriften wie ‘Commercial Art’ (ab 1922 in London erschienen) widmeten dem Thema regelmäßig eigene Beiträge und Farbtafeln, zum Beispiel im Aprilheft 1923 mit dem Artikel ‘The poster and the stamp’. Schaufenster galten damals als vollwertiges Werbemedium neben Plakat und Prospekt.
Gab es in dieser Zeit Fachpublikationen, die Beschrifter und Letterer als Zielgruppe hatten?
Ja, gleich mehrere. ‘Commercial Art’ (London, 1922/23) behandelte auf insgesamt 144 redaktionellen Seiten Themen wie Plakat, Schrift, Schaufenster, Illustration und Warenzeichen, mit Bezug zu England, Deutschland und Österreich. In Deutschland dokumentierten die ‘Typographischen Mitteilungen’, das offizielle Organ des Deutschen Typographen-Verbands (erschienen 1903 bis 1933), Entwicklungen im grafischen Gewerbe, darunter auch Schrift und Lettering.
Welche Rolle spielte Jan Tschichold für das Schrifthandwerk der 1920er Jahre?
Jan Tschichold war eine Schlüsselfigur. 1925 gestaltete er als Gastredakteur das Sonderheft ‘Elementare Typographie’ der ‘Typographischen Mitteilungen’, das erstmals die Prinzipien der Neuen Typografie einem breiten Druckgewerbe-Publikum vorstellte. Das Heft reproduzierte Arbeiten von El Lissitzky und László Moholy-Nagy und beeinflusste damit auch die Praxis der gewerblichen Beschriftung nachhaltig. 1933 verließ Tschichold Deutschland und zog nach Basel.
Wann erlebte die handgemachte Reklame- und Schaufensterbeschriftung ihren Höhepunkt und wann endete diese Ära?
Die Blütezeit lag grob zwischen 1920 und den frühen 1950er Jahren. In Deutschland schwächte der Aufstieg des Nationalsozialismus ab 1933 die gestalterische Avantgarde, während in der Schweiz die Neue Typografie noch bis in die 1940er Jahre weiterpraktiziert wurde. Bis in die 1960er und 1970er Jahre hielten sich handgeschriebene Reklameschilder im Einzelhandel, wurden dann aber zunehmend durch Druckerzeugnisse und Klebefolien verdrängt.
Wo kann man heute noch historische Originale dieser Beschriftungskultur finden oder kaufen?
Originale Plakate, Fachzeitschriften und Reklamematerialien aus dieser Zeit tauchen regelmäßig im Antiquariats- und Auktionshandel auf. Ein Beispiel: Die gebundene Erstserie von ‘Commercial Art’ (1922/23, 7 Hefte) wird im Fachhandel für rund 210 Euro gehandelt. Spezialisierte Plakatkataloge wie der des Plakatkontor dokumentieren Plakat- und Reklameliteratur von 1909 bis 1932 und geben einen guten Überblick über das verfügbare Angebot.
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