Wenn über Herb Lubalin gesprochen wird, fällt fast automatisch die Typografie. Interessant an Avant Garde ist aber, dass hier ein ganzes gedrucktes Objekt sichtbar wird: Magazin, Bildträger, Debattenraum und Markenform zugleich. Die Online Books Page der University of Pennsylvania hält fest, dass Avant-Garde in New York erschien, seine erste Ausgabe auf Januar 1968 datiert ist und die letzte auf Summer 1971. Für Reetro ist genau diese kurze, dichte Laufzeit reizvoll, weil sie aus dem Heft kein diffuses Dauerformat, sondern ein klar umrissenes Stück Printkultur macht.
Ein erstes Heft mit genauer Rollenverteilung
Die erste Ausgabe lässt sich ungewöhnlich sauber belegen. Im Eintrag der People’s Graphic Design Archive ist Avant Garde Volume 1 auf 1968 datiert, Ralph Ginzburg ist als Publisher genannt und Herb Lubalin als Designer. Auch der zugängliche Scan der Erstausgabe bei Internet Archive bestätigt diese Rollen auf der Credits-Seite: Dort stehen Ralph Ginzburg als Editor und Herb Lubalin als Art Director. Gerade diese Trennung ist wichtig, weil sie zeigt, dass das Heft nicht nur über Typostil funktionierte, sondern über ein präzises Zusammenspiel von Redaktion und visueller Regie.
Richard Lindners „Ice“ auf dem Cover
Was man auf den ersten Blick sieht, ist ebenfalls gut dokumentiert. Die AGI-Seite zu Lubalins Avant Garde magazine beschreibt das Titelbild der ersten Ausgabe ausdrücklich als Cover des ersten Hefts von 1968 und nennt Richard L. Lindners Werk Ice. Der Internet-Archive-Scan wiederholt diese Zuordnung im Inhaltsverzeichnis mit der Zeile „‘Ice,’ by Richard Lindner cover“. Das ist mehr als eine einfache Bildangabe. Es zeigt, wie stark das Magazin vom ersten Heft an mit Kunstreproduktionen arbeitete, statt nur eine typografische Vorderseite zu setzen.
Kein reines Designheft, sondern ein breit aufgezogenes Kulturmagazin
Die Drucksache wirkt auch deshalb so gegenwärtig, weil ihr Inhalt nicht auf Grafikdesign verengt ist. Die Beschreibung der People’s Graphic Design Archive nennt Avant Garde ein Magazin, das sich in den 1960er-Jahren mit zeitgenössischer Kunst, Kultur und Design beschäftigte. Der Scan der ersten Ausgabe macht das konkret: Im Inhaltsverzeichnis stehen politische, literarische und popkulturelle Beiträge nebeneinander, von einem Text über Nixon bis zu einem Richard-Lindner-Stück und Zeichnungen von Muhammad Ali. Das Objekt lebt also gerade von seiner Mischung — nicht als Fachmagazin, sondern als gestaltete Bühne für sehr unterschiedliche Stimmen.
„Exuberantly dedicated to the future“
Besonders aufschlussreich ist der programmatische Ton der ersten Ausgabe. Im Scan heißt es gleich zu Beginn, das Magazin sei „exuberantly dedicated to the future“. Dieser Satz ist gestalterisch fast ebenso wichtig wie redaktionell. Er erklärt, warum Lubalins visuelle Sprache hier so offen, scharf und vorausdrängend wirkt: nicht nostalgisch, nicht museal, sondern bewusst auf Gegenwart und Nächstes gerichtet. Gerade dadurch wirkt das Heft heute nicht wie eine bloße Stilprobe, sondern wie ein klar formulierter Print-Standpunkt.
Warum das zu Reetro passt
Für Reetro ist an Avant Garde weniger der Mythos interessant als die Balance aus Strenge und kultureller Offenheit. Ein starkes Coverbild, eine präzise Wortmarke, ein klar gesetztes Heftformat — und innen genug Energie, um Kunst, Politik und Pop nebeneinander zu halten. Wer auf solche gedruckten Spannungen reagiert, landet heute oft bei großformatigen Postern oder ruhig inszenierter Leinwand, bei denen Bild und Typografie gemeinsam tragen. Avant Garde Nr. 1 zeigt, wie viel Haltung ein Magazin schon auf seiner ersten Strecke in Papier bringen kann.